Für nachträglich ausgezahlte Überstunden ist der ermäßigte Einkommenssteuersatz anzuwenden

In Deutschland werden jedes Jahr Millionen von Überstunden geleistet. Glücklich können sich diejenigen schätzen, die diese geleistete Mehrarbeit durch eine Überstundenvergütung bezahlt bekommen. So erfreulich dieses zusätzliches Geld auf dem Konto auch ist, so „unerfreulich“ ist allerdings die Steuerpflicht. Regulär ausgezahlte Überstunden unterliegen demselben Steuersatz wie das normale Gehalt.

Umso erfreulicher ist eine Entscheidung des Finanzgerichts Münster (Az.: 3 K 107/18 E), der zufolge für nachgezahlte Überstunden ein ermäßigter Steuersatz anzusetzen ist. Die Arbeitnehmer müssen deutlich weniger Einkommenssteuer zahlen. Voraussetzung ist, dass die Überstundenauszahlung einen Zeitraum von mehr als zwölf Monaten betrifft. Mit dem ermäßigten Steuersatz wird die sogenannte Fünftel-Regelung angewendet.

Der vorliegende Fall betrifft einen Arbeitnehmer, der in dem Zeitraum von 2013 bis 2015 über 300 Überstunden geleistet hatte. Eine Erkrankung hinderte ihn anschließend daran, seine Arbeit wieder aufzunehmen. Daher einigte er sich mit seinem Arbeitgeber 2016 auf einen Aufhebungsvertrag, der für die geleisteten Überstunden eine Vergütung von 6.000 Euro vorsah. Die Freude über dieses zusätzliche Einkommen währte jedoch nicht lange, denn das Finanzamt setzte für diese Summe den vollen Steuersatz an und bat den Arbeitnehmer kräftig zur Kasse.

Damit war dieser jedoch nicht einverstanden und reichte gegen den Bescheid des Finanzamts Klage beim Finanzgericht ein. Die Richter stellten sich auf die Seite des Klägers und verglichen die nachgezahlten Überstunden mit der Vergütung für über mehrere Jahre geleistete Tätigkeiten, die gleichfalls dem gemäßigten Steuersatz unterliegen. Diese mehrjährigen Tätigkeiten betreffen Einkünfte, die über einen Zeitraum von mehreren Jahren erwirtschaftet, jedoch in einem einzigen Jahr ausgezahlt und besteuert werden, zum Beispiel eine Abfindung. Diese Auszahlungen werden den tarifbegünstigten Einkünften (§ 34 EStG) zugerechnet. Nach Meinung der Richter könne man eine nachträglich ausgezahlte Überstundenvergütung nicht anders behandeln. In der Einkommenssteuererklärung kann der Arbeitnehmer den ermäßigten Steuersatz beantragen und Einspruch einlegen, wenn der Arbeitgeber zunächst den vollen Steuersatz für die Überstundenvergütung abgerechnet hat und das Finanzgericht die Fünftel-Regelung nicht anwendet.

Das vorliegende Urteil des Finanzgerichts Münster ist noch nicht rechtskräftig, betroffene Arbeitnehmer, die eine Überstundenvergütung für einen Zeitraum von mehr als zwölf Monaten erhalten, können sich ggf. darauf berufen. Die Zulassung zur Revision wurde durch das Gericht zugelassen.